Über Grenzen hinweg zusammenfinden: Ortsvorstand der IG Metall Darmstadt tagt in Straßburg
Europäische Industriepolitik, Demokratie gestalten und die Zukunft der Gewerkschaften: Bei seiner Klausur in Straßburg suchte der Ortsvorstand der IG Metall Darmstadt bewusst das Gespräch über Grenzen hinweg. Im Mittelpunkt standen zwei Treffen mit französischen Gewerkschaftsdachverbänden.
Straßburg war für die Klausur des Ortsvorstands der IG Metall Darmstadt bewusst gewählt. Hier wird europäische Politik gemacht; zugleich liegt die Stadt nur wenige Kilometer von der deutsch-französischen Grenze entfernt. Der Ortsvorstand nutzte diese Nähe, um über die Zukunft der Industrie in Europa zu sprechen – und vor allem, um französische Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter kennenzulernen und mit ihnen gemeinsame Handlungsmöglichkeiten auszuloten.
Mit dem hessischen SPD-Europaabgeordneten Udo Bullmann diskutierte der Ortsvorstand über europäische Industriepolitik. Wie kann Europa industrielle Wertschöpfung sichern und zugleich klimafreundlich umbauen? Wie entstehen gute Arbeitsplätze und neue Technologien, an deren Entwicklung Beschäftigte beteiligt sind? Die Fragen betreffen längst nicht mehr einzelne Standorte oder Länder. Entscheidungen über Investitionen, Lieferketten und Technologien fallen zunehmend im europäischen Zusammenhang. Gewerkschaftliche Antworten müssen diesen Zusammenhang mitgestalten.
Zwei Gespräche, ein gemeinsamer Auftrag
Den Schwerpunkt der Klausur bildeten zwei Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern großer französischer Gewerkschaftsdachverbände. Der Austausch machte Unterschiede sichtbar: In Frankreich organisieren mehrere, historisch unterschiedlich geprägte Dachverbände Beschäftigte auch im selben Wirtschaftsbereich. In Deutschland vereinen die DGB-Gewerkschaften Menschen verschiedener politischer und weltanschaulicher Überzeugungen innerhalb ihrer jeweiligen Organisationsbereiche. Dieses Prinzip der Einheitsgewerkschaft schafft Raum, gemeinsame Interessen über solche Unterschiede hinweg zu vertreten.
Gerade deshalb waren die Gespräche so ergiebig. Bei allen Unterschieden bestand Einigkeit in einer entscheidenden Frage: Die europäischen Gewerkschaften müssen alte ideologische Gräben überwinden und enger zusammenarbeiten. Wer den industriellen Wandel sozial und demokratisch gestalten will, braucht Verbindungen zwischen Betrieben, Regionen und nationalen Organisationen – auch dann, wenn gewerkschaftliche Traditionen und Arbeitsweisen verschieden sind.
Für unsere Delegation war überraschend, wie aufmerksam die IG Metall außerhalb Deutschlands wahrgenommen wird. Als größte Einzelgewerkschaft Deutschlands und eine der größten der Welt steht sie auch für die Erfahrung, Beschäftigte mit unterschiedlichen Überzeugungen in einer gemeinsamen Organisation handlungsfähig zu machen. Der Austausch mit den französischen Kolleginnen und Kollegen schärfte so den Blick auf das eigene System. Was im Alltag selbstverständlich erscheint, lässt sich aus einer anderen Perspektive neu verstehen und schätzen. Umgekehrt können wir von den Erfahrungen und Aktionsformen unserer Nachbarinnen und Nachbarn lernen.
Europas Stärke muss gemeinsam gestaltet werden
Die Gespräche fanden in einer Zeit statt, in der autoritäre Politik weltweit an Einfluss gewinnt und die europäische Industrie unter hohem Veränderungsdruck steht. Europa hat die Möglichkeit, darauf mit seinen demokratischen Stärken zu antworten: mit einer Industrie, die gute Arbeit schafft; mit einer KI, die Menschen dient und ihrer Kontrolle unterliegt; mit Dekarbonisierung, die Beschäftigte beteiligt; und mit einer Wirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert.
Diese Möglichkeiten verwirklichen sich nicht von allein. Dafür braucht es politische Entscheidungen, Investitionen und starke Gewerkschaften, die über Grenzen hinweg gemeinsam handeln. Europa bleibt demokratisch, wenn Menschen erfahren, dass sie seine Zukunft mitbestimmen können – im Betrieb ebenso wie in der Politik.
Die Klausur in Straßburg war deshalb mehr als ein Gedankenaustausch. Sie war ein Anfang, Kontakte zu vertiefen und europäische Solidarität in gemeinsame Arbeit zu übersetzen. Der Ortsvorstand der IG Metall Darmstadt will den Dialog mit den französischen Gewerkschaften fortsetzen. Denn Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen miteinander sprechen, Unterschiede aushalten und gemeinsame Ziele verfolgen.