Bronze für den Betriebsrat bei AUMOVIO in Babenhausen: Zukunft braucht Mitbestimmung
Der Betriebsrat der AUMOVIO Germany GmbH in Babenhausen ist mit dem Deutschen Betriebsrätepreis 2026 in Bronze ausgezeichnet worden. Für die IG Metall Darmstadt ist diese Auszeichnung weit mehr als eine Anerkennung eines einzelnen Projekts. Sie würdigt einen Betriebsrat, der sich auch unter massivem Transformationsdruck nicht auf die Verwaltung von Stellenabbau beschränkt hat, sondern eigene Zukunftsperspektiven für den Standort entwickelt und strategische Mitbestimmung praktisch gelebt hat.
Berlin/Babenhausen/Darmstadt. Bei der Verleihung des Deutschen Betriebsrätepreises am 16. September 2026 in Berlin erhielt der Betriebsrat der AUMOVIO Germany GmbH in Babenhausen Bronze in der Kategorie der großen Betriebsratsgremien. Ausgezeichnet wurde das Projekt „Im Spiel bleiben! Szenarienbasierte strategische Mitbestimmung in Zeiten von Krisen und Transformationsdruck“.
Hinter dieser Auszeichnung steht eine lange und schwierige Auseinandersetzung. Bereits am damaligen Continental-Standort wurde „Transformation“ für die Beschäftigten früh zu einem Begriff, der vor allem mit Abbauplänen und der drohenden Einstellung der Produktion verbunden war. Gemeinsam mit Betriebsrat und IG Metall kämpfte die Belegschaft 2021 erfolgreich für einen Zukunfts- und Sozialtarifvertrag. Dieser verschaffte den Kolleginnen und Kollegen zusätzliche Jahre Beschäftigungssicherung, soziale Absicherung, Qualifizierungsmöglichkeiten und Zeit, um neue Perspektiven für den Standort zu entwickeln.
Dass die Produktion in Babenhausen nach heutigem Stand Ende 2026 dennoch eingestellt werden soll, schmerzt viele Beschäftigte. Der Wert der geleisteten Arbeit bemisst sich jedoch nicht allein am endgültigen Schließungsbeschluss. Die Belegschaft hat Zeit gewonnen, konkrete Verbesserungen erreicht und gezeigt, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eigene Vorstellungen von der Zukunft ihres Standorts entwickeln und in strategische Unternehmensdebatten einbringen können.
Vom Reagieren zum Gestalten
Vor mehr als zwei Jahren begann der Betriebsrat gemeinsam mit der IG Metall Darmstadt und unterstützt von Fachleuten aus dem Umfeld der Hans-Böckler-Stiftung systematisch verschiedene Zukunftsszenarien für Babenhausen zu entwickeln. Welche Produkte und Geschäftsfelder bieten Perspektiven? Welche Kompetenzen können ausgebaut werden? Welche Investitionen wären notwendig, um den Standort langfristig zu sichern?
Dafür wurde ein eigenes Strategieteam des Betriebsrats aufgebaut. Ziel war es, nicht länger ausschließlich auf Entscheidungen des Managements zu reagieren, sondern eigene Vorschläge zu entwickeln und die Perspektive der Beschäftigten frühzeitig in strategische Diskussionen einzubringen.
Die Schwerbehindertenvertretung war von Beginn an eng in diesen Prozess eingebunden und brachte wichtige Impulse in die Zukunftsarbeit ein. Die Beteiligung unterschiedlicher Perspektiven war dabei kein Nebenaspekt, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Projekts.
„Unser Ziel war es, selbst strategisch aktiv zu werden und vor die Welle unternehmerischer Entscheidungen zu kommen“, beschreibt Anne Nothing, die das Projekt initiierte und als damalige Betriebsratsvorsitzende maßgeblich vorantrieb, den Ansatz.
Der heutige Betriebsratsvorsitzende Claus-Dieter Jost zieht ebenfalls eine positive Bilanz: „Es ist uns gelungen, in einer schwierigen Unternehmenslage unsere Position gegenüber dem Management zu stärken und als strategischer Partner wahrgenommen zu werden.“ Auch Alexander Georg, Schwerbehindertenvertreter bei AUMOVIO in Babenhausen, unterstreicht die Bedeutung der gemeinsamen Arbeit: „Zukunft entsteht nicht durch Einzelentscheidungen, sondern durch gemeinsame Verantwortung. Deshalb war es wichtig, dass Betriebsrat, Schwerbehindertenvertretung und Belegschaft an einem Strang gezogen haben. Der Betriebsrätepreis ist eine Anerkennung für diesen gemeinsamen Weg.“
Die Beschäftigten sind nicht das Problem
Der Deutsche Betriebsrätepreis würdigt keinen einfachen Sieg über die Krise. Er würdigt vielmehr eine Form von Mitbestimmung, die weiter reicht als die bloße Abfederung bereits getroffener Entscheidungen. Beschäftigte kennen Produkte, Prozesse und betriebliche Möglichkeiten. Ihr Wissen muss stärker in Investitions-, Technologie- und Standortentscheidungen einfließen.
Gerade deshalb fällt die Auszeichnung in eine Zeit, in der erneut darüber diskutiert wird, wie die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gesichert werden kann. AUMOVIO-Chef Philipp von Hirschheydt hat zuletzt eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne entsprechenden Lohnausgleich ins Gespräch gebracht und dies unter anderem mit internationalen Wettbewerbsbedingungen begründet. (Protest in Babenhausen am Auto-Aktionstag, den 21. September 2026)
Für die IG Metall Darmstadt zeigen die Erfahrungen in Babenhausen jedoch etwas anderes: Die Zukunft der Industrie entscheidet sich nicht daran, ob Beschäftigte länger für das gleiche Geld arbeiten. Sie entscheidet sich an Innovation, Investitionen, Qualifizierung, guten Produkten und einer langfristigen Unternehmensstrategie.
Die Beschäftigten und ihre Interessenvertretungen sind nicht das Hindernis der Transformation. Sie gehören zu ihren wichtigsten Voraussetzungen.
Ein Beispiel für andere Betriebe
Die Transformation der Automobil- und Zulieferindustrie stellt Beschäftigte, Unternehmen und Politik vor enorme Herausforderungen. Elektromobilität, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und globale Wettbewerbsverschiebungen verändern Produkte, Produktionsprozesse und Geschäftsmodelle tiefgreifend.
Die Antwort darauf kann nicht allein in Personalabbau, Verlagerungen oder der Infragestellung erkämpfter Arbeitsstandards liegen. Zukunftsfähigkeit entsteht durch Investitionen, Innovationen und Beteiligung.
Der Betriebsrat von AUMOVIO Babenhausen hat gezeigt, dass Mitbestimmung mehr sein kann als Krisenmanagement. Das Gremium hat eigene Zukunftsszenarien entwickelt, strategische Debatten angestoßen und die Perspektive der Beschäftigten aktiv eingebracht. Die kontinuierliche Einbindung der Schwerbehindertenvertretung verdeutlicht zusätzlich, wie ernst demokratische Beteiligung in diesem Projekt genommen wurde.
Bronze, auf die wir stolz sind
Die IG Metall Darmstadt gratuliert dem gesamten Betriebsratsgremium, der Schwerbehindertenvertretung und allen Beteiligten herzlich zu dieser Auszeichnung.
„Ihr habt gezeigt: Betriebsräte können Zukunft gestalten. Ihr könnt Innovation einfordern, Alternativen entwickeln und strategische Debatten eröffnen. Und ihr habt gezeigt, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Verantwortung für ihr Unternehmen, ihren Standort und ihre Region übernehmen“, erklärt Daniel Bremm, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Darmstadt.
Diese Auszeichnung gehört ebenso den vielen Kolleginnen und Kollegen, die den Kampf um Beschäftigung, Zeit und Zukunftsperspektiven über Jahre hinweg gemeinsam getragen haben.
Herzlichen Glückwunsch nach Babenhausen zum Deutschen Betriebsrätepreis 2026 in Bronze. Vor allem aber: Danke für dieses starke Beispiel gelebter, vorausschauender und strategischer Mitbestimmung.
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