Zum ersten Mal in der Geschichte des Standorts haben die Beschäftigten von ZEISS SMT in Roßdorf die Arbeit niedergelegt. Rund 150 Beschäftigte beteiligten sich am ersten Warnstreik und machten nach sechs Tarifverhandlungsrunden deutlich: Wer weltweit Maßstäbe in der Halbleitertechnik setzt, braucht auch tarifliche Arbeitsbedingungen, die diesem Anspruch gerecht werden.
Der Warnstreik kam nicht überraschend. Bereits die Tarifkommission und die anschließende Mitgliederversammlung beschlossen im Vorfeld einstimmig, den Druck auf den Arbeitgeber zu erhöhen. Nach sechs Tarifverhandlungsrunden sehen die Beschäftigten bei den zentralen Forderungen zu wenig Bewegung. Im Mittelpunkt stehen die Einführung der 35 Stunden Woche sowie eine deutlich schnellere Heranführung an den Flächentarifvertrag.
Gestern war es dann so weit.
In der Betriebsversammlung ging es nicht nur wegen der sommerlichen Temperaturen heiß her. Seit Jahren sorgen fehlender Hitzeschutz und unzureichend klimatisierte Arbeitsbereiche für Unmut. Auch in der Tarifrunde ist der Geduldsfaden vieler Beschäftigter inzwischen spürbar kürzer geworden. In der Diskussion mit den Mitgliedern der Verhandlungsgruppe wurde deutlich: Nach sechs Verhandlungsrunden erwarten die Kolleginnen und Kollegen endlich greifbare Fortschritte.
Kurz nach 12 Uhr wurde die Betriebsversammlung unterbrochen.
Vor dem Werkstor bot sich ein Bild, das es am Standort bislang nicht gegeben hatte. Mit Warnwesten, IG Metall Kappen und Trillerpfeifen reihten sich die Beschäftigten auf. Begleitet von der Polizei zog der Demonstrationszug durch Roßdorf. Rund 150 Beschäftigte schlossen sich an und legten bis 14 Uhr die Arbeit nieder. Es war der erste Warnstreik in der Geschichte von ZEISS SMT am Standort Roßdorf.
Wo sonst hochqualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Fachkräfte Maschinen entwickeln, ohne die moderne Halbleiterproduktion kaum denkbar wäre, bestimmten an diesem Tag Sprechchöre, Fahnen und Trillerpfeifen das Bild.
„Nach sechs Verhandlungsrunden erwarten die Kolleginnen und Kollegen mehr als Bewegung im Nanometerbereich. Jetzt braucht es sichtbare Fortschritte. Die Beschäftigten wollen nicht mehr, aber auch nicht weniger als die tariflichen Arbeitsbedingungen, die an anderen ZEISS Standorten längst gelebte Praxis sind“, sagten die Gewerkschaftssekretäre Martin Sperber-Tertsunen und Anusch Cascorbi. „Die Beschäftigten erwarten dies auch als Zeichen des Respekts und Wertschätzung für ihre jahrelange starke Leistung und ihren bedeutenden Beitrag zum Erfolg von ZEISS SMT!“
Im Westen wie im Osten. One ZEISS.
Immer wieder war derselbe Ruf zu hören:
„Im Westen wie im Osten. One ZEISS.“
Der Slogan bringt die Forderung der Beschäftigten auf den Punkt. Sie wollen dieselben tariflichen Arbeitsbedingungen wie ihre Kolleginnen und Kollegen an den anderen Standorten der ZEISS Gruppe.
Anderthalb Jahre Organizing
Der Warnstreik ist das Ergebnis von anderthalb Jahren Aufbauarbeit. Gemeinsam mit der IG Metall organisierten sich immer mehr Beschäftigte. Aus Gesprächen an den Arbeitsplätzen, Mitgliederversammlungen und gemeinsamen Aktionen entstand Schritt für Schritt eine starke Tarifbewegung. Mit der organisierten demokratischen Mehrheit im Betrieb war schließlich der Weg frei, den Arbeitgeber zu Tarifverhandlungen aufzufordern.
Diesen Weg griff auch Maximilian Schür aus dem Vertrauenskörper in seiner Ansprache auf:
„Heute hier vor euch zu stehen und zu sehen, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte dieses Standorts so zahlreich gemeinsam vor dem Werk stehen, macht mich richtig stolz. Ich bin stolz auf euch und darauf, wie wir zusammenhalten.“
Solidarität über den Standort hinaus
Unterstützung kam auch aus Coswig bei Dresden. Die Kolleginnen und Kollegen des dortigen ZEISS Standorts, die auch in den Tarifverhandlungen sind, schickten eine Solidaritätsbotschaft, die während der Kundgebung verlesen wurde.
Der Warnstreik war gut organisiert: Getränke, Essen vom Grill und Musik sorgten dafür, dass viele Beschäftigte trotz der sommerlichen Hitze auch nach dem Demonstrationszug auf dem Kundgebungsgelände blieben und miteinander ins Gespräch kamen.
Ein Meilenstein für die Tarifbewegung
Mit ihrem ersten Warnstreik haben die Beschäftigten von ZEISS SMT ein klares Signal gesetzt. Jetzt erwarten sie, dass sich der Arbeitgeber in den nächsten Verhandlungen bei den zentralen Forderungen bewegt.
Vor anderthalb Jahren begann der Aufbau einer Tarifbewegung am Standort. Mit dem gestrigen Warnstreik hat diese Entwicklung einen wichtigen Meilenstein erreicht. Wo Spitzentechnologie entwickelt wird, ist in dieser Zeit auch ein starker Zusammenhalt entstanden. Der erste Warnstreik hat gezeigt, dass die Beschäftigten bereit sind, gemeinsam für ihre tariflichen Ziele einzustehen.
Im Westen wie im Osten. One ZEISS.